Ein Gotteshaus erzählt Geschichte.
Mitten im historischen Ortskern von Gispersleben-Viti erhebt sich seit nunmehr drei Jahrhunderten die Kirche St. Viti – ein Bauwerk, das weit mehr ist als nur ein sakraler Ort.
Sie ist Zeugnis der Ortsgeschichte, Mittelpunkt des Gemeindelebens und ein prägender Teil der kulturellen Identität Gisperslebens. Im Jahr 2026 begeht die Vitikirche ihr 300-jähriges Jubiläum in ihrer heutigen Gestalt – ein Anlass, auf ihre bewegte Geschichte zurückzublicken. Bereits lange vor dem heutigen Kirchenbau existierte in Viti ein Gotteshaus. Die genaue Entstehungszeit der ersten Kirche ist unbekannt. Historische Quellen deuten jedoch darauf hin, dass die Gemeinde im Mittelalter möglicherweise sogar eine Mutterkirche besaß. Schon 1609 wird ein Pfarrhaus in Viti erwähnt, das später als Schulhaus genutzt wurde.
Die heutige Kirche entstand schließlich im Jahr 1726 unter Pfarrer Wolfgang Karl Scheidemantel. Dabei wurden ältere mittelalterliche Bauteile in den Neubau integriert. Besonders der Turm stammt in Teilen noch aus der Zeit vor 1726 und trug ursprünglich ein schlichtes Satteldach. Der barocke Charakter des Kirchenraumes prägt die Vitikirche bis heute. Kanzelaltar, doppelte Emporenanlage und die schlichte bäuerliche Barockausstattung verleihen dem Innenraum eine besondere Atmosphäre. Bereits 1723 – also noch vor Fertigstellung des Neubaus – wurden Altar und Kanzel beim Kersplebener Meister Johann Kersten in Auftrag gegeben. Ein besonderes Schmuckstück ist die historische Orgel. Sie wurde um 1790 vom Dachwiger Orgelbaumeister Johann Georg Kummer geschaffen und zählt heute zu den wenigen erhaltenen Instrumenten dieses Meisters. Ihre feierliche Prüfung und Übergabe erfolgte am 30. Juli 1790 durch eine Kommission des evangelischen Ministeriums.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche immer wieder erweitert, verschönert und restauriert. 1831 erhielt der Innenraum einen neuen weißen Anstrich. Der damalige Kircheninspektor Heinrich Frankenhäuser gilt als großzügiger Förderer dieser Arbeiten. 1853 bekam der Turm seine bis heute markante barocke Haube mit Doppellaterne – ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Ortsteils. In einer Urkunde im Turmknopf wurden die damaligen Bauarbeiten und beteiligten Handwerker dokumentiert.
Auch dramatische Ereignisse blieben der Kirche nicht erspart. So schlug im Juni 1889 während eines schweren Gewitters der Blitz in das Kirchengebäude ein. Der Blitz durchfuhr Dach und Innenraum, beschädigte den Putz und durchbrach schließlich die Außenmauer – bemerkenswerterweise ohne das daneben befindliche Lutherbild zu beschädigen. Eine Geschichte, die bis heute weitererzählt wird. Immer wieder zeigte sich die enge Verbundenheit der Einwohner mit ihrer Kirche. So stiftete der Mühlenbesitzer Mattig 1899 einen wertvollen Kronleuchter zum Gedenken an seine verstorbene Tochter. 1914 kamen die bis heute eindrucksvollen Altarfenster hinzu, gestiftet vom Ziegeleibesitzer Paul Sahlender.
Das 20. Jahrhundert brachte zahlreiche Sanierungen und Modernisierungen: neue Glocken, Restaurierungen der Orgel, Dach- und Fassadenarbeiten, elektrische Beleuchtung sowie die Erneuerung der Turmuhr. Selbst nach den Herausforderungen zweier Weltkriege blieb die Vitikirche Mittelpunkt des Gemeindelebens. Noch heute prägen ihre Glocken den Klang des Stadtteils. Heute steht die Vitikirche unter Denkmalschutz und gehört zum evangelischen Kirchenkreis Erfurt.
Sie erinnert daran, wie eng Architektur, Glauben und Ortsgeschichte miteinander verwoben sind. Seit drei Jahrhunderten begleitet sie die Menschen durch Freude und Leid, durch Kriegszeiten und Friedensjahre, Taufen, Hochzeiten und Abschiede. Das Jubiläum „300 Jahre Vitikirche“ ist deshalb weit mehr als ein historisches Datum. Es ist ein Fest der Erinnerung – und zugleich ein Zeichen dafür, dass lebendige Geschichte nicht in Büchern endet, sondern in den Gemeinden weiterlebt.
Text: Maryen Jahn, Michael Kremer I Bilder: Michael Kremer